Durchschlafen ist kein Entwicklungsschritt

"Schläft es schon durch?" – kaum ein Thema wird unter jungen Eltern lebhafter diskutiert. Eine Nachfrage die verunsichert und viele Eltern den Grund für das nächtliche Aufwachen ihres Kindes bei sich suchen lässt. "Unser Baby schläft noch nicht durch, dann machen wir wohl etwas falsch" – folgern viele. Ein Trugschluss. Denn, so viel vorweg: das nächtliche Durchschlafen im frühen Lebensalter ist kein Entwicklungsschritt den Eltern beeinflussen können oder der etwas mit Erziehung zu tun hat. Trotzdem probieren von schlaflosen Nächten gebeutelte und von Vorzeige-Eltern irritierte Mütter und Väter fast alles, das ihr Baby doch bitte endlich zum Ein- und Durchschlafen motivieren soll. Zum Beispiel Schlaflernprogramme, deren Begründer sich einig sind, dass Babys in rund 14 Tagen schlafen lernen. Ruhige Nächte innerhalb kürzester Zeit – klingt zu schön, um wahr zu sein.

Schlafen lernen – der kontrollierte Entzug von Nähe

Das Ursprungsmodell der Schlaflernprogramme, die „Ferber-Methode“, wurde in den 1980er-Jahren von Dr. Richard Ferber, einem amerikanischen Kinderarzt, vorgestellt. Das verhaltenstherapeutische Training soll Babys lehren, mithilfe eines konsequenten „Behandlungsplans“ selbstständig und ohne Hilfestellungen ein- und durchzuschlafen. Dies geschieht, indem die Eltern ihr Kind schreien lassen und nur nach festen Zeitintervallen das Kinderzimmer betreten, um das Baby zu beruhigen. Die Zeiten, in denen das Kind allein bleibt, verlängern sich kontinuierlich bis zu 30 Minuten. In Deutschland wurde das Schlaflernprogramm von Psychologin A. Kast-Zahn und Dr. J. Morgenroth („Jedes Kind kann schlafen lernen“) und der Freiburger Schlafambulanz („Freiburger Sanduhrmethode“) weiterentwickelt und in seinen „Schreizeiten“ etwas abgeschwächt.

Nicht jedes Kind kann schlafen lernen!

Die Versprechen der Schlaftrainer sind umstritten. Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster* begründet seine Kritik auf evolutionsbiologische Erkenntnisse. Demnach sind körperliche Nähe und Schutz durch die Eltern lebensnotwendig. Babys schlafen, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen – und nicht, wenn sie nach Nähe schreien müssen. Generell, so Renz-Polster, entsteht durch Schlaflernprogramme eine Diskrepanz: Tagsüber bekommt das Kind Trost und in der verunsichernden Einschlafsituation in der Nacht wird es „emotional unterversorgt“.

Der größte Fehler sei es, anzunehmen, dass das Durchschlafen und selbstständige Einschlafen ein Urteil über die psychoemotionale Reife erlaubt. Wie lange ein Baby schläft, hängt von seinen Trinkgewohnheiten, von seinem Alter, seinem individuellen nächtlichen Energiebedarf und der Schlafumgebung ab. Erst bei letzterem können Eltern Einfluss nehmen – zum Beispiel mit diesen Einschlaftipps:

 

Tipps zum Einschlafen und Durchschlafen

1. Für Entspannung sorgen

Ob Mensch oder Tier – es ist naturgegeben, dass alle Lebewesen nur dann schlafen, wenn sie sich nicht bedroht fühlen. Das Baby kann sich nur dann entspannen, wenn es frei von Angst ist und sich geborgen fühlt. Bestätigen Sie sein angeborenes Urvertrauen in seine Eltern, indem Sie es schützen und einfach „da“ sind, wenn es Sie braucht. Schlaf sollte immer etwas Schönes und keine Strafe sein.

2. Ruhe einkehren lassen

Beruhigen Sie schon etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen die Gesamtsituation. Wilde Spiele und körperliche Anstrengungen sollten nun durch ruhige Rituale wie Vorlesen, ein warmes Bad oder einfach durch Kuschelzeit abgelöst werden. Wird das Baby nachts unruhig versuchen Sie zuerst, es mit Streicheln und leisem Zureden wieder Einschlafen zu lassen, bevor Sie es aus seinem Bettchen heben.

3. Die Bettschwere erkennen

Etwa alle 50 Minuten wird eine Welle der aktiven Phase durch eine beruhigte Phase abgelöst. Verlässliche Anzeichen von Müdigkeit sind eine sehr ruhige und gleichmäßige Atmung, eine entspannte Muskulatur und ein verträumter Blick. Bekommt das Baby in dieser Phase nicht die „Kurve“ in den Schlaf, ist es schon nach kurzer Zeit wieder munter.

4. Die optimale Schlafumgebung schaffen

Zu viel Hitze kann dem Baby den Schlaf kosten. Rund 18 Grad Zimmertemperatur und ein Schlafsack reichen vollkommen aus. Schließen Sie Jalousien oder Vorhänge und dimmen Sie das Licht – so erleichtern Sie Ihrem Baby das Durchschlafen. Wacht das Baby nachts auf, füttern, wickeln und beruhigen Sie es ebenfalls bei Dämmerlicht. „Spannendes“ Spielzeug über Nacht unbedingt außer Sichtweite legen.

5. Den Tag strukturieren

Ein fester Tagesablauf und Schlafrhythmus hilft Ihrem Baby beim Ein- und Durchschlafen. Halten Sie sich an Uhrzeiten und an die eingespielten Einschlafrituale. So merkt das Kind, wann der Beginn der Schlafenszeit ist und kann diese von aktiven Phasen unterscheiden.

6. Ersatzobjekte anbieten

Das Schaukeln in der Babywiege, der Klang der Spieluhr oder das Schnuffeltier – all diese Dinge simulieren die Anwesenheit der Eltern, z.B. das Wiegen im Arm oder das Summen eines Gute-Nacht-Liedes. Auch wenn nichts besser ist als das Original: Wenn das Baby diese Dinge in entspannten Einschlafsituationen kennen lernt, können sie das Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen vermitteln und die abendliche Trennung von den Eltern erleichtern – sofern das Kind nicht mit im Familienbett schläft. Dann kann auch ein von den Eltern getragenes T-Shirt Wunder wirken.

7. Auf das eigene Bauchgefühl hören

Jedes Kind ist einzigartig und hat seine individuellen Bedürfnisse. Kein Ratgeber ist so gut, wie das Gespür der Eltern für ihren kleinen Schützling. Geben Sie ihrem Baby die Zeit, die es braucht. Sind Sie sich dennoch unsicher, ob Ihr Kind an Schlafstörungen leidet oder zu wenig schläft, fragen Sie Ihren Kinderarzt.

* Dr. med. Herbert Renz-Polster in dem Artikel „Schlafprobleme aus Sicht der Evolution“ (2010)