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Mutti macht das schon!

… aber nur, wenn Papa auch mitmacht. Denn Paare, die sich gleichberechtigt die Aufgaben teilen, können Kind und Karriere unter einen Hut bekommen. Theoretisch. Praktisch bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele oft ein großer Kraftakt.

jede familie sucht sich ihren eigenen weg, familie und beruf zu vereinen. ist das eigentlich gut so?

Es ist eines der Lieblingsthemen der deutschen Medien: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Meinungen und Erfahrungen dazu klingen ganz schön ernüchternd. Der Appell an Politik und Wirtschaft, aber auch an die Gesellschaft ist deutlich: Es muss sich endlich etwas ändern, damit Familien so leben können, wie sie es sich wünschen. Denn sich beruflich zu entfalten, Kind und Karriere zu vereinen, muss kein Widerspruch sein. Bisher sind Familien selbst gefragt, eine individuelle, zu ihren Lebensumständen passende Lösung zu finden. Aber kann das gut gehen und ist das nicht viel zu viel verlangt?

In „Vollzeit arbeiten? Du Arme!“ (Brigitte Online) erzählt eine voll berufstätige Mutter von mitleidigen Blicken, die sie und ihr Kind in der Kita treffen, nachmittags um 17 Uhr. „Müde in Vollzeit“ (nido) zieht den Schluss: „Kleine Kinder und die moderne Arbeitswelt vertragen sich nur so mittelmäßig, das weiß jeder, der beides kennt.“ Die Folge: erschöpfte Eltern und die Erkenntnis, dass ein schönes Leben irgendwie anders geht. Die Autorin von „Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) befürchtet ernsthaft, mit Kindern sei das Leben wohl vorbei.

Ist es denn wirklich noch so unmöglich, das Ding mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Lernen Sie drei Familien und eine optimistische Autorin kennen, die sich einig sind: „Kind und Karriere – es kann klappen. Aber niemand hat gesagt, dass es einfach ist.“

Nur wenige können sich vorstellen, so zu arbeiten und zu leben wie wir.

Dave Taye (43) Musiker

Karriere ist für uns nur ein Mittel zum Zweck.

Marc Schüle (46), Angestellter an einer Universität im Bereich Fundraising

Ich fühle mich in keine Rolle hineingepresst. Ich bin echt gerne Mami.

Kim Tacke (37), Account Manager

drei eltern im interview

kurz-interview mit sabrina und dave taye

Sabrina Taye (33) arbeitet als Supervisor und Trainerin im Bereich Customer Relations. Dave Taye (43) ist Musiker. Ihre beiden Kinder Lennox und Emilia sind 3 Jahre und 4 Monate alt.

Wie sah Ihre Job-Situation aus, bevor Sie Eltern wurden, und wie heute?

Sabrina Taye: Da hat sich eigentlich gar nicht viel geändert: Ich war und bin Vollzeit tätig – bis auf je ein Jahr Elternzeit. Unter der Woche bin ich auch häufig auf Geschäftsreisen. Dave ist Musiker und hat meist am Wochenende zu tun. In der restlichen Zeit kümmert er sich um unsere Kinder. Seit er zwei Jahre alt ist, geht Lennox vormittags in den Kindergarten. Bei Emilia haben wir das auch so geplant.

Wie haben Sie den beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause erlebt?

Sabrina Taye: Nach dem Jahr Elternzeit mit Lennox bin ich gleich wieder voll in den Beruf eingestiegen und hatte nie Schwierigkeiten im Job. Dennoch war es emotional sehr hart für uns. Ich habe zu Lennox eine ganz starke Bindung und die tägliche Trennung fiel uns beiden ziemlich schwer. Ich hätte gerne noch ein zweites Jahr Elternzeit drangehängt, weil die Kinder in diesem Alter einfach schon mehr verstehen. Ich bin froh, dass Dave jetzt zwei Jahre bei Emilia bleibt.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Kinder unter der Vollzeittätigkeit leiden?

Sabrina Taye: Nicht unter meiner Berufstätigkeit an sich. Wir sind zufriedene Eltern und uns sicher, dass die Kinder das merken und schätzen. Aber bei meiner Vollzeitstelle und bei längeren Reisen ist die Trennungszeit schon lang. Daher ist die Zeit, die wir alle miteinander zu Hause verbringen, umso wichtiger und schöner!

Was meinen Sie, würde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern?

Dave Taye: Ein individuelleres System zur Elternzeit bzw. zum Elterngeld wäre wünschenswert. Teilzeit sollte sich auch während des Bezuges von Elterngeld mehr lohnen. Aber hier verbessert sich ja für viele Familien ab nächstem Jahr dank Elterngeld Plus etwas.

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kurz-interview mit marc und christina schüle

 

Marc Schüle (46) ist Angestellter an einer Universität im Bereich Fundraising. Seine Frau Christina (35) arbeitet als Kinderkrankenschwester – momentan in Elternzeit mit Anton (8 Monate). Tochter Emma ist 4 Jahre alt.

Wie haben Sie Familie und Beruf aufgeteilt? Wer macht was?

Christina Schüle: Ich bin seit Emmas Geburt bei den Kindern zu Hause, erledige dort die meisten Arbeiten. Vorher habe ich Vollzeit im Schichtdienst als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Nach einem Jahr bin ich mit 28 Stunden pro Monat eingestiegen, nach zwei Jahren mit einer 40-Prozent-Stelle. Nach dem Jahr Elternzeit, das ich gerade mit Anton verbringe, möchte ich es wieder genauso machen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie auf Ihre Karriere verzichten müssen?

Christina Schüle: Nein, das Kinder- und Familienleben steht für mich gerade im Vordergrund. Da kann ich die Karriere gut hinten anstellen. Mit Kindern bekommt das Leben eine andere Gewichtung – das ist auch gut so. Klar richtet sich der Alltag schon deutlich nach ihnen, vor allem mit zwei Kindern, und ich hab schon oft das Gefühl, mich zerteilen zu müssen. Zeit für Sport fehlt mir. Dass ich jetzt einen geregelteren Tagesablauf habe als im Schichtdienst, weiß ich sehr zu schätzen.

Was hat Sie daran gehindert, als Vater Elternzeit zu nehmen?

Marc Schüle: Das hätte ich so gerne! Aber es hat bei uns, wie bei so vielen Familien, ganz klar finanzielle Gründe. Ich verdiene deutlich mehr als Tina. Auf das Geld können wir nicht verzichten, die Kosten laufen ja weiter. Wenn wir zusammen das gleiche Einkommen zur Verfügung und keinen realen Einkommensverlust gehabt hätten, hätte ich sofort Elternzeit genommen.

Was würde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Lebensqualität von Familien verbessern?

Christina Schüle: Ein flexibler Umgang mit den Arbeits- und Präsenzzeiten würde es leichter machen. Außerdem sollte Familienarbeit endlich anerkannt und gefördert werden, z.B. durch beitragsfreie Kitas.

Marc Schüle: Würde Tina sagen: „Ich möchte jetzt wieder voll arbeiten“, hätten wir ein Problem. Oft muss ein Elternteil zeitweise auf die Karriere verzichten. Das ist für eine Familiengründung nicht sehr förderlich.

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kurz-interview mit kim und andré tacke

Kim Tacke (37) ist Account-Manager, ihr Mann André (39) als Rechtsanwalt und Steuerberater tätig. Sohn Carlo ist 3 Jahre alt, seine Schwester ist bereits unterwegs.

Wie erleben Sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Alltag?

Kim Tacke: Es ist ein ständiges Organisieren und Absprechen. Nicht selten sitzen wir am Wochenende mit unseren Terminkalendern am Küchentisch und besprechen, welche Termine anstehen. Dann diskutieren wir, wer was macht und versuchen, alles gerecht aufzuteilen. Das ist schon anstrengend und man hat einfach immer den Wunsch, es allen recht zu machen. Dass das aber oft einfach nicht geht, mussten wir auch erst lernen.

Wofür bleibt Ihnen mit dem „Kind-und-Karriere-Modell“ zu wenig Zeit?

André Tacke: Es fehlt an gemeinsamer Zeit als Paar. Obwohl wir schon regelmäßig versuchen, auch mal ein Wochenende alleine wegzufahren. Aber das muss schon immer gut geplant werden. Man kann eben nicht mehr so spontan sein.

Wie sah Ihre Job-Situation aus, bevor Sie Eltern wurden, und wie heute?

Kim Tacke: Wir waren vor Carlos Geburt beide Vollzeit tätig. Jetzt arbeite ich in Teilzeit 25 Stunden in der Woche. Nach dem Jahr Elternzeit war Carlo bei einer Tagesmutter. Seit er zwei ist, geht er in die Kita.

André Tacke: Da ich selbstständig bin, konnte ich leider keine längere Babypause nehmen oder Stunden reduzieren.

Wären Sie lieber länger als ein Jahr mit Carlo zu Hause geblieben?

Kim Tacke: Nein, ich wollte wirklich gerne wieder arbeiten. Aber jetzt beim zweiten Kind werden wir es wohl anders machen. Ich habe vor, zwei Jahre zu Hause zu bleiben. Das hat den Grund, dass das Baby erst mit zwei Jahren in Carlos Kindergarten kann. Ich kann mir nicht vorstellen, beide jeden Tag an verschiedene Orte zu bringen und abzuholen und selber noch 400 Kilometer in der Woche zu pendeln

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Karriere durch das Kind auf Eis liegt?

Kim Tacke: Nein, eigentlich nicht. Das Problem sind eher meine Ansprüche, auch in 25 Stunden eine gute Führungskraft zu sein. Ich habe Verantwortung für Kunden und Etats, muss aber pünktlich losfahren und den Großen abholen. Dringende Kundenanfragen kann ich dann nur noch notfalls per Mail von zu Hause bearbeiten.

Wie haben Sie den Wiedereinstieg nach der Babypause erlebt?

Kim Tacke: Schleppend. Ich hatte anfangs Schwierigkeiten, einen Rhythmus zu finden, mit weniger Stunden auszukommen und Carlo gerecht zu werden. Aber ich denke, das ist ganz normal. Irgendwann findet man seine Mitte auch wieder.

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zwischen wunsch und wirklichkeit

Nicht vergessen darf man bei dieser Diskussion die vielen Familien, die sich die Frage nach einer optimalen Vereinbarkeit von Familie und Beruf gar nicht stellen. Weil sie keine andere Wahl haben. Weil sie schnell wieder arbeiten müssen, weil ein Gehalt vorne und hinten nicht reicht. Weil sie vielleicht auf sich ganz alleine gestellt sind und ihr Job nach einer längeren Babypause weg sein könnte. Bei ihnen geht es nicht um hochgesteckte Karrierepläne, sondern um Existenzsicherung. Diese Familien benötigen die größtmögliche Unterstützung von Politik und Wirtschaft.

weniger arbeiten: das muss man sich auch leisten können

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesigs Familienpolitik „setzt auf Partnerschaftlichkeit und soll die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stützen“. Beitragsfreie Kitas, Elterngeld Plus, Familienarbeitszeit (Stichpunkt 32-Stunden-Woche) und eine familiengerechtere Arbeitswelt sind ihre ambitionierten Pläne und Wünsche für eine Politik, die „näher an der Lebenswelt von Familien“ sein will. Bis diese umgesetzt sind, macht der Blick ins Ausland neidisch, stimmt aber vielleicht auch hoffnungsvoll: Schweden, Niederlande und Dänemark sind Paradebeispiele für Länder, die es Familien einfacher machen. In Schweden gilt z.B. schon seit den 1970er-Jahren das Doppelverdiener-Modell. Dieses ermutigt beide Elternteile zu arbeiten und gleichzeitig die unbezahlte Arbeit, die im Haushalt und bei der Kinderbetreuung anfällt, gleichberechtigt aufzuteilen. Hinzu kommen flexible Arbeitszeiten und kostenlose Kitas. Nicht unwahrscheinlich, dass dies ein Grund dafür ist, dass dort die Geburtenrate deutlich höher ist als in Deutschland.

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