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Das Kleinkind beginnt zu fremdeln

Vor ein paar Tagen hat es noch jeden freundlich angelächelt, der in die Kinderkarre schaute. Das ist plötzlich vorbei. Nun schreit das Kleinkind und lässt sich nur durch Sie als auserkorene Bezugsperson beruhigen. Auch auf den Arm der Oma möchte es neuerdings nicht mehr; sieht es Opa, fängt es an zu weinen. Was ist passiert? Nichts Außergewöhnliches. Ihr Kind hat in diesen Lebensmonaten einen neuen, wichtigen Entwicklungsschritt gemacht: Es beginnt zu fremdeln.


Fremdeln ist ein ganz normaler Entwicklungsschritt

Etwa im Alter zwischen dem sechsten und dem achten Lebensmonat – manchmal auch schon früher – zeigen sich viele Kinder auf einmal ängstlich, verunsichert und fremdeln gegenüber Fremden. Aber auch ihm bekannte Menschen wie den Großeltern bringen sie eine ungewohnte Skepsis entgegen. Den Höhepunkt hat das Fremdeln meistens im 2. Lebensjahr und nimmt ab dem 3. Lebensjahr allmählich wieder ab. Auch wenn es für Sie und andere Bezugspersonen zunächst anstrengend erscheint – Ihr Kind befindet sich mitten in einer Entwicklungsphase, die völlig normal und wichtig ist. Fremdeln ist in erster Linie ein Zeichen dafür, dass Ihr Kind stärker wird. Es ist nun in der Lage, zwischen vertrauten und unvertrauten Personen zu unterscheiden. Als Ursache wird unter anderen vermutet, dass Kinder in der Fremdelphase fähig geworden sind, ein Gesicht mit seinen charakteristischen Merkmalen zu erkennen, um zu wissen: Dieses Gesicht kenne ich gut, das andere ist mir fremd. Eine Art Schutzmechanismus. Das Kleinkind wechselt vom blinden Vertrauen zu einem gesunden Misstrauen gegenüber Neuem. Auslöser fürs Fremdeln kann auch Trennungsangst sein. Deshalb sollten Sie Ihrem Kleinkind schon früh zeigen, dass eine Trennung immer nur kurz und nicht von Dauer ist. Geben Sie ihm Geborgenheit.


Kleinkinder verhalten sich in der Fremdelphase skeptisch

Kommt jemand Unbekanntes Ihrem Nachwuchs zu nahe, versteckt er sich. Das Kind will auf den Arm, versteift den Körper oder dreht das Köpfchen weg, wenn es angeschaut wird. Manche klammern sich am Bein der Eltern fest. Das Kleinkind erscheint abweisend, ja unfreundlich, oft fängt es an zu schreien. Es verweigert in dieser Entwicklungsphase jeglichen Kontakt zu Unbekannten, insbesondere den Körperkontakt. Allerdings muss diese Skepsis nicht von Dauer sein. Irgendwann kehrt die Neugier zurück. Drängen Sie Ihr Kind nicht, geben Sie ihm Zeit, sich wieder sicher zu fühlen. Und dann kann es sein, dass Ihr Kind der unbekannten Person plötzlich doch ein Lächeln schenkt – nämlich dann, wenn es merkt, von diesem Menschen geht keine Gefahr aus. Die Fremdelphase lässt sich auch abmildern, indem das Baby früh einen engen Bezug zu anderen Familienangehörigen entwickelt und sich dort geborgen fühlt. 


So helfen Sie Ihrem Kind bei dem Entwicklungsschritt des Fremdelns

Gegen das Fremdeln lässt sich zunächst wenig machen. Wichtig ist allerdings, dass Sie Ihr Kind in dieser Entwicklungsphase zu nichts zwingen. Wenn also Oma unbedingt ein Küsschen haben möchte, das Kind dies aber nicht will – geben Sie dem Bedürfnis Ihres Kindes nach. Erklären Sie anderen Bezugspersonen oder Fremden, in welcher Entwicklungsphase sich Ihr Kind gerade befindet. Es hat gar nichts mit Antipathie oder Bösartigkeit zu tun, warum es keinen Kontakt will. Ist das geklärt, können alle Beteiligten besser mit einer Zurückweisung umgehen. Natürlich ist es schwierig, eine Distanz zu dem süßen Kind zu wahren – doch in der Fremdelphase braucht es diese Distanz zu anderen. Das Misstrauen des Kindes erfordert es vielmehr, dass seine Bezugsperson – oft sind Sie das als Mutter – in der Nähe ist. In der Fremdelphase braucht Ihr Kind viel Nähe und in brenzligen Situationen beruhigende Worte. Das hilft Ihrem Nachwuchs in dieser Entwicklungsphase, in der es die volle Rückendeckung von Ihnen braucht. 


Nicht alle Kinder fremdeln gleich stark

Wie stark ein Baby oder Kleinkind bei diesem Entwicklungsschritt fremdelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Manche Kinder sind von Natur aus eher neugierig und offen gegenüber anderen Menschen. Es gibt tatsächlich Kinder, denen ist Fremdeln fremd. Wie sich ein Kind verhält, ob es mehr oder weniger scheu ist, hängt auch von der momentanen Befindlichkeit und den Erfahrungen ab, die das Kind bereits mit fremden Menschen gemacht hat. Auch das eigene Verhalten kann eine Rolle beim Fremdeln spielen. Wenn Sie selbst freundlich und entspannt auf andere Menschen reagieren, signalisieren Sie Ihrem Kind damit, dass alles in Ordnung ist. Vielleicht fremdelt es dann weniger stark, als wenn Sie sich ablehnend oder angespannt verhalten. 


Die Fremdelphase geht auch wieder vorbei

Gefremdelt wird also früh und in höchst unterschiedlicher Ausprägung. Auch ist es höchst individuell, wie lange eine Fremdelphase andauert. Aber sie kommt und – auch das ist gut so – sie geht wieder. Unterstützen Sie Ihr Kind bei diesem wichtigen Entwicklungsschritt, damit es der Welt offen begegnen kann.