Was ist der Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen?
Dr. Martina Stotz: Emotionen sind tiefe, meist unbewusste Reaktionen des Körpers. Sie umfassen auch die Körperempfindungen wie z. B. Anspannung, Enge, Herzklopfen. Sobald diese Emotion gedanklich bewertet wird, sprechen wir von konkreten angenehmen Gefühlen, wie Freude oder Begeisterung oder unangenehmen Gefühlen wie Angst oder Wut. In Gefühlen steckt also eine subjektive und persönliche Interpretation der Emotion.
Ein Beispiel: Wenn du Angst vor einer Ratte hast, und dein Körper erstarrt und dein Herz rast, ist das eine Emotion. Sobald du darüber nachdenkst, kannst du von deinem Gefühl berichten. Du bist ängstlich und vielleicht ekelst du dich.
Welche Gefühle gibt es für Kinder?
Dr. Martina Stotz: Es gibt sechs wichtige Gefühle, die eigentlich jeder Mensch kennt. Das sind Angst, Wut, Traurigkeit, Überraschung, Freude und Ekel. Diese Gefühle sind schon bei Neugeborenen vorhanden, aber Babys und Kleinkinder können sie natürlich noch nicht benennen. Und für dich als Elternteil ist es manchmal auch schwer zu erkennen, ob dein Baby nun traurig, wütend, zufrieden oder überrascht ist. Es braucht Zeit, um die Gefühle des Babys und seine Reaktionen darauf feinfühlig zu erkennen.
Die Gefühlswelt von Kindern entwickelt sich ständig weiter. Die eigenen Erfahrungen verändern, wie dein Kind Gefühle empfindet. Vielleicht ekelt es sich ganz plötzlich vor Spinnen, weil es mitgekriegt hat, dass viele Menschen sich vor Spinnen ekeln. Oder es hat Angst vor Hunden, weil der bellende Nachbarshund es erschreckt hat. Schon von Beginn an ist es empfehlenswert, wenn Eltern ihre Gefühle selbst benennen und einen breiten Gefühlswortschatz nutzen. Wenn Kinder ca. 3-4 Jahre alt sind, hilft es ihnen mit Gefühlen umzugehen, wenn sie diese auch benennen können. Wenn ein Kind ein Gefühl kennt und benennen kann, kann es dieses auch leichter regulieren.
Welche emotionalen Meilensteine durchläuft mein Kind?
Dr. Martina Stotz: Dein Baby entdeckt in der ersten Lebenszeit erstmal alle Gefühle und probiert sich aus.
Im Kleinkindalter – mit dem Beginn der Autonomiephase – nimmt es seine Gefühle schon viel bewusster wahr. Es erlebt plötzlich viel häufiger Frustration und Wut sehr intensiv, z. B. wenn es etwas nicht darf oder nicht versteht. In diesem Alter hat dein Kind auch Interesse an den Gefühlen von anderen und vielleicht zeigt es schon Mitgefühl. Die Regulation der eigenen Gefühle klappt in diesem Alter nur mit der Hilfe der Eltern. Hier bist du als Elternteil gefragt, um mit der sogenannten Co-Regulation zu begleiten. Deswegen schlagen oder beißen manche Kinder in diesem Alter. Sie sind mit ihren Gefühlen überfordert. Das machen sie nicht mit böser Absicht. Es ist so, als würde ein großer Gefühlselefant durch den Körper wüten, den das Kind alleine nicht bändigen kann. Das bedeutet, dass du für dein Kind da bist, während es wütend ist, du ruhig atmest und versuchst ein sicherer Hafen zu sein. Du brauchst gar nicht viel sagen. Da sein und aushalten reicht!
Im Kindergarten- und Vorschulalter kommen oft noch eine starke Fantasie und Ängste dazu. Dann wird von der magischen Phase gesprochen. Vielleicht kennst du die Monster-Angst vor dem Schlafengehen oder die Trennungsangst an der Kindergartentür? Das verschwindet bei den meisten Kindern im Grundschulalter wieder.
In der Grundschule kann dein Kind seine Gefühlswelt schon besser selbst verstehen. Hier geht es dann darum, die Gefühle als Signale für Bedürfnisse zu verstehen. Ein Gefühl sagt, dass etwas wichtig ist und dass vielleicht ein Bedürfnis unerfüllt ist.
Wie drücken Kinder ihre Gefühle aus?
Dr. Martina Stotz: Babys zeigen ihre Gefühle mit der Körpersprache, z. B. zappeln sie oder sie klammern sich an die Bezugsperson. Babys nutzen aber auch schon Laute, z. B. glucksen, weinen, schreien oder sie lachen. Kleinkinder benutzen die Körpersprache anders. Sie stampfen z. B. auf den Boden oder verschränken die Arme, wenn sie wütend sind, sie weinen, wenn sie traurig sind und sie lächeln, hüpfen, klatschen in die Hände oder lachen bei Freude.
Im Vorschul- und Grundschulalter rückt die Körpersprache wieder etwas in den Hintergrund, denn Kinder können Gefühle nun immer besser benennen und auch über sie sprechen. Außerdem kommt das Gefühl Scham hinzu. Dadurch nehmen sie sich mit ihrem ausgelassenen Verhalten etwas zurück.
Welche Bedeutung haben Gefühle bei Kindern?
Dr. Martina Stotz: Gefühle zeigen Kindern, ob ihre Bedürfnisse erfüllt sind. Ein Kind ist zufrieden und ausgeglichen, wenn alle wichtigen Bedürfnisse erfüllt sind. Wenn ein Kind sich Sorgen macht oder Angst hat, ist das ein erstes Zeichen für ein unbefriedigtes Bedürfnis, z. B. das Bedürfnis nach Sicherheit oder nach Orientierung. Es lohnt sich also genau hinzusehen und die Gefühle ernst zu nehmen. So lernen Kinder ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen. Gerne kannst du als Elternteil auch nicht nur die Gefühle deines Kindes, sondern auch die Bedürfnisse benennen.
Wie erkläre ich meinem Kind Gefühle?
Dr. Martina Stotz: Gefühle sind wichtig für unser ganzes Leben. Ohne Gefühle wäre der Alltag im Grunde bedeutungslos. Für Kinder sind kindgerechte Erklärungen wichtig.
Frage zum Beispiel: „Kennst du das Gefühl im Körper, wenn du morgens im Kindergarten auf deine beste Freundin zum Spielen wartest? Das Gefühl fühlt sich schön an, oder? Das ist Freude.“
Oder sage: „Angst ist wie ein Alarm, der angeht, wenn etwas gefährlich ist. Vielleicht schlägt dein Herz schneller oder du atmest ganz schnell, vielleicht möchtest du dich auch verstecken oder wegrennen. Angst ist ein wichtiger Helfer, z. B. in gefährlichen Situationen, weil sie dich davor schützen kann, etwas Gefährliches zu tun.“
Zeige deinem Kind, dass alle Gefühle wertvoll sind und nicht negativ bewertet werden:
„Ich liebe dich mit all deinen Gefühlen. Alle Gefühle zeigen dir etwas. Die Angst zeigt dir, dass du Sicherheit brauchst. Die Traurigkeit zeigt dir, dass du Nähe brauchst. Die Freude zeigt dir, dass du gerade glücklich bist.“