Die Arche: Zukunftsweisendes Projekt
für Kinder und Familien


Nach Informationen des Bundesfamilienministeriums sind rund 2,4 Millionen Kinder armutsgefährdet. Andere Quellen sprechen sogar von 5 Millionen Kindern, die abhängig von Sozialhilfeleistungen sind und an bzw. unterhalb der Armutsgrenze leben. Für diese Menschen setzt sich der gemeinnützige Verein „Die Arche e.V.“ von Pastor Bernd Siggelkow ein. Bundesweit versorgt das christliche Hilfswerk, das sich durch Spenden finanziert, derzeit rund 2.000 Kinder in unterschiedlichen Einrichtungen und arbeitet an verschiedenen Schulen. In dem professionellen pädagogischen Konzept werden die Eltern mit einbezogen. Ein Ziel ist es, Kindern sinnvolle Freizeitmöglichkeiten zu bieten und bei familiären oder schulischen Problemen sowie sexuellem Missbrauch beratend zu helfen.
Seit März findet dieses Konzept auch Anwendung in Göttingen. Der neue Arche-Standort im Göttinger Stadtteil Grone liegt in den ehemaligen Räumen der freikirchlichen Ecclesia-Gemeinde. Diese stellt der Arche die durch einen Umzug freigewordenen Räume kostenlos zur Verfügung. Rossmann hilft mit einer Spende beim Aufbau der Einrichtung in Niedersachen. Jugenddiakon Tobias Lange bringt zum offiziellen Übergabetermin der Rossmann-Spende im Januar eine Schar neugieriger Kinder mit. Nach dem offiziellen Termin packen Sandra Lorenz (Leitung Rossmann Qualitätsmarken) und ihre Mitarbeiterinnen gemeinsam mit den Kindern die mitgebrachten Geschenke aus. Die Kinder haben viel Spaß beim Auspacken der Spielsachen, Buntstifte und Malutensilien aus dem Rossmann-Sortiment. Als sie die Sonnenbrillen entdecken, lachen sie damit Bernd Siggelkow an. Der setzt sich sofort zu ihnen und nimmt ganz ungezwungen Kontakt auf. Das herzliche Miteinander lässt erahnen, wie es zukünftig in Niedersachsens erster Arche-Einrichtung zugehen wird.
Sandra Lorenz hatte im Vorfeld die Arche-Einrichtung in Berlin-Hellersdorf besucht: „Die Arbeit der Arche hat mich sehr beeindruckt, und wir möchten das Hilfswerk auch weiterhin unterstützen.“ So ist auf den neu gestalteten Verpackungen der Rossmann Qualitätsmarke babydream (Windel-Jumbo-Pack und Windel-Mega-Pack) ein Aufdruck zu finden, der auf das Arche-Hilfswerk aufmerksam macht. Zusätzlich wird in einer beigelegten Broschüre über das Hilfswerk informiert. Weitere Informationen erhalten Sie auch unter: www.kinderprojekt-arche.de
Im Gespräch mit Bernd Siggelkow:
„Wir könnten jeden Tag eine Arche aufmachen.“
Josef Lange: Wie kam es zur Gründung des Hilfswerks, gab es einen speziellen Auslöser?
Bernd Siggelkow: Der eigentliche Auslöser war mein zehntägiger Besuch als Jugendreferent in Berlin-Hellersdorf, 1991, ein Jahr nach der Wende. Der Bezirk ist zu DDR-Zeiten auf dem Reißbrett entstanden und geprägt von hoher Arbeitslosigkeit. Vor allem zahlreiche Familien mit Kindern leben in den bezahlbaren Plattenbauten, viele Jugendliche ohne Ausbildung gammelten einfach nur herum. Es war eine Mischung aus Aufbruchstimmung und Perspektivlosigkeit. Ich sprach mit vielen Jugendlichen und wusste sofort, dass ich hier gebraucht wurde. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Armut nicht nur Hunger bedeutet, sondern oft mit mangelnder Zuwendung und sozialer Ausgrenzung verbunden ist,
Josef Lange: Kaum ein Jahr später ziehen sie mit ihrer Familie aus dem beschaulichen Schwarzwald nach Berlin. Waren Sie gut vorbereitet?
Bernd Siggelkow: Nachdem ich meine Frau überzeugt hatte, haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um nach Berlin zu gehen, obwohl sich unsere Familie im Schwarzwald sehr wohl gefühlt hat. Ich war schon etwas naiv, denn finanzielle Mittel für Kinder- und Jugendarbeit waren nicht vorhanden. Zuerst im eigenen Wohnzimmer, und später in verschiedenen Räumlichkeiten, habe ich mit ehrenamtlichen Mitarbeitern Programme für Kinder angeboten. 1995 gründeten wir den gemeinnützigen Verein. Die Arbeit explodierte und wir suchten dringend größere Räume. Nach zähen Verhandlungen mit den örtlichen Behörden konnten wir ein ehemaliges Schulgebäude nutzen und planten, bis zu 500 Kinder zu betreuen und eine Suppenküche zu errichten. Für das sanierungsbedürftige Gebäude und den Umbau gab es aber keine Zuschüsse.
Josef Lange: Die Arche finanziert sich hauptsächlich aus Spendengeldern?
Bernd Siggelkow: Ja, fast ausschließlich. Es gab z.B. mal Fördergelder vom Bezirk, aber der Etat für Jugendarbeit in Berlin-Hellersdorf ist mit ungefähr 950.000 Euro im Jahr kleiner als die jährlichen Kosten für die Arche in diesem Bezirk. Wir sind auf Spenden und ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen. Erst die vielen helfende Hände, Geduld und großzügige Spender ermöglichten uns die offizielle Eröffnung unseres „Arche-Mutterhauses“ im Januar 2002.

Josef Lange: Sind Sie aktiv auf der Suche nach Sponsoren?
Bernd Siggelkow: Nicht so richtig. Aber das Interesse der Medien wächst ständig und bringt der Arche Anfragen und Sponsoren. Es sind Privatleute, die großzügig spenden, aber auch immer mehr Unternehmen, die soziales Engagement zeigen. Durch die Medien sind auch Politiker auf die Arche aufmerksam geworden. Mittlerweile laufen sogar Vorbereitungen für ein gemeinsames Projekt mit dem Familienministerium an einer Berliner Schule. Schauspieler, Prominente, Fernsehmoderatoren wie Günther Jauch oder der Komiker Mario Barth kommen auf uns zu, werden zu Arche-Botschaftern und fördern uns. Mit Hertha BSC haben wir eine Kooperation – der Verein lädt Arche-Kinder ein und die Spieler kommen zu uns.
Josef Lange: Sie haben einige Bücher zum Thema Kinderarmut veröffentlicht, wie kam es dazu?
Bernd Siggelkow: Viele Journalisten besuchen unsere Einrichtungen, denn die Situation ist nicht nur in Berlin-Hellersdorf schwierig. Eigentlich könnten wir jeden Tag eine Arche aufmachen. Wir haben weitere Arche-Einrichtungen in Potsdam, Hamburg, München, Düsseldorf, Frankfurt und in Berlin sogar zusätzlich eine eigene Schule eröffnet. Wir wollten das Thema noch mehr in die breite Öffentlichkeit bringen, denn hinter den Armutsberichten stehen Gesichter und Schicksale. Aus den Gesprächen und Kontakten mit Journalisten entstand dann die Idee zum ersten Buch „Deutschlands vergessene Kinder“, das ich mit Arche-Pressesprecher Wolfgang Büscher geschrieben habe, 2008 veröffentlichen wir den zweiten Bestseller „Deutschlands sexuelle Tragödie“, welcher ebenfalls für viel Aufsehen sorgte, 2010 erschien „Papa Bernd“ mit vielen biografischen Details.
Josef Lange: Wie erreichen Sie den großen Zulauf von Kindern und Jugendlichen?
Bernd Siggelkow: Unsere Mitarbeiter suchen gezielt auch Kinderspielplätze in sozial schwachen Gegenden auf, denn dort treffen sie Kinder und Jugendliche mit Problemen. Viele Kinder und Jugendliche kommen zu uns, weil sie in ihren Familien allein gelassen werden und bei uns Zuwendung und Geborgenheit finden. In erster Linie verstehen wir uns als erwachsene und verlässliche Freunde der Kinder, die Arche ist eine Ergänzung der Familie. Wenn eine Arche eröffnet, spricht sich das Programm schnell herum. Wir bieten Basteln, Handwerken, Theater, Tanz, Chor, Musik, Fotografie, Graffiti oder Sport an. Es gibt gemeinsame Kochkurse für Eltern und Kinder. Wir praktizieren gelebte Demokratie: in unseren Kinderkonferenzen stimmen Kinder und Arche-Mitarbeiter die Angebote, Regeln und Ideen ab. Einmal wöchentlich wird eine Kinderparty mit Musik, Kinderliedern, Spielen sowie einer Verlosung organisiert. Auch Geburtstag- und Weihnachtsfeiern sind möglich. Da vielen Familien Geld für Urlaub fehlt, veranstalten wir Kinder- und Jugendcamps. Nicht wenige Jugendliche sind nie über den eigenen Stadtteil herausgekommen, weil es schon am Geld für Bus oder Bahn scheitert.
Josef Lange: Welche Pläne haben Sie noch für dieses Jahr?
Bernd Siggelkow: Neben Göttingen planen wir in diesem Jahr noch neue Standorte in Frankfurt, Köln und Meißen. Für unseren Standort in Berlin-Friedrichshain benötigen wir neue Räume und sammeln Spenden in einer gemeinsamen Aktion mit RTL für das neue Arche-Haus. Im Herbst wollen wir auch ein weiteres Buch herausbringen. Darin beleuchten wir unter anderem das Phänomen Komasaufen und die Konsequenzen daraus.

Kurzinfo
Bernd Siggelkow wurde 1964 in Hamburg geboren und lebte als Kind und junger Mann am Rande des Existenzminimums. Der gelernte Kaufmann war zunächst als Vertriebsbeauftragter im Außendienst tätig und absolvierte danach eine theologische Ausbildung bei der Heilsarmee. Als Jugendreferent und Pastor engagiert er sich seitdem für Kinder und Jugendliche. Es geht ihm dabei nicht allein um die Linderung materieller Not. Auch das Fehlen familiärer Liebe und Beziehungen treiben ihn bei seiner Arbeit an. 1995 gründete er in Berlin-Hellersdorf das christliche Hilfswerk „Die ARCHE e.V.“. Seitdem entstehen bundesweit ARCHE-Einrichtungen. Bernd Siggelkow ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Er erhielt für seine Arbeit u.a. den "Verdienstorden des Landes Berlin". Die Arche selbst wurde mit der Carl von Ossietzky-Medaille durch die Internationale Liga für Menschenrechte gewürdigt.

